torsdag, mars 29, 2007

"Zeit"-Artikel

Letzte Woche stolperte ich über Susanne Simons Artikel in der ZEIT. Unter dem Titel Schule, ein Dampfdrucktopf vergleicht Martina Lind, der Name geändert, "ihre Erfahrungen als Lehrerin in Finnland mit denen in Deutschland". Und man greift gleich in die Vollen:

„Meine Kinder bekamen in der Grundschule, deren erste Landessprache Schwedisch ist, ein Jahr lang täglich Einzelunterricht in der neuen Sprache."

Finnland hat zwei Amtssprachen, Finnisch und Schwedisch. 92% der Finnen geben an, dass Finnisch ihre Muttersprache ist. Ungefähr 6% der finnischen Staatsbürger geben Schwedisch als Muttersprache an. Tendenz für das Schwedische: abnehmend! Frau Linds Kinder waren in einer der vielen schwedischsprachigen Schulen. Eine Grundschule wie in Deutschland gibt es eigentlich nicht in Finnland. Alle Klassen, wer Lust hat bis zum Abitur, sind unter einem Dach untergebracht.

"Nach drei Monaten waren sie integriert.", sagt Frau Lind und das nimmt man ihr glatt ab. Schwedisch ist auch relativ einfach zu lernen für deutsche Muttersprachler im Gegensatz zum Finnischen. Unter "Integrieren" ausländischer Kinder, stellt sich der deutsche Leser vermutlich etwas anderes vor.


"In Finnland hat jedes Kind Anspruch auf Unterricht in seiner Sprache und es darf das Abitur in der Muttersprache absolvieren."

Jedem nichtfinnisch- oder schwedischsprachigem Schüler stehen zwei mal 45 Minuten, also 2 Unterrichtsstunden, pro Woche zu, in denen es in seiner Muttersprache unterrichtet wird. Ein Bekannter von mir kommt aus Hongkong und unterrichtet die chinesischen Schüler in Helsinki. Auch traf ich einen netten Somalilehrer, der den vielen Somalikindern regelmäßig über Somalia erzählt, mit ihnen Somali lernt, Traditionen aufrechterhält. Dieser Unterricht wird von den Kommunen gezahlt, also vom Steuerzahler und ist natürlich ein großes Privileg. Das Abitur legt man an finnischen Schulen auf Finnisch oder Schwedisch ab, je nachdem welcher Sprachgruppe die Schule angehört. Auf Somali, wie man aus dem Artikel schließen könnte, oder aber auch Mandarin oder auf gar auf Deutsch, geht es nicht. Eine Ausnahme bilden hier die internationalen Schulen.

Dem folgenden Teil kann ich zustimmen. Das Klima an finnischen Schulen scheint freundlicher und ja, weniger hierarchisch. Aber dann, dieses gängige, leidige Finnland-Pisa-Wunderland - Vorurteil:
"Die Klassen sind klein. Neben dem Klassenlehrer gibt es Assistenten, die Schwächen einzelner Schüler ausgleichen helfen (...)". Nein, die Klassen sind hier nicht kleiner als in Deutschland. Natürlich sind die Klassen in Dorfschulen kleiner. In den größeren Städten, aber kann ein Lehrer auch schon mal den Entertainer für knapp 30 Schüler geben. Und auch steht in den meisten Klassen nur ein Lehrer vorn.

"Die Schüler duzen ihre Lehrer. Sie empfinden sie nicht als Feinde, sondern als Helfer.". Hier duzen sich alle. Nur sehr alte Leute, mit denen man nicht verwandt ist, werden gesiezt. Selbst die Präsidentin habe ich andere Bauchtanzteilnehmerinnen duzen hören. Menschen, die siezenden Sprachgruppen angehören mag dieses allgegenwärtige duzen eingenartig vorkommen. Auf Finnland aber, die Implikatur Siezen = Feindesempfindungen. Duzen = Helfer zu übertragen, halte ich für unangebracht.

"(...) Computer werden nur geleast, damit die Kinder immer die neuesten Modelle haben.". Falsch! Falsch! Falsch! Das stimmt einfach nicht!

Dann geht es noch ein bisschen weiter im Text und über die furchtbaren Schulen in Deutschland und die vielen Hausaufgaben dort, während man in Finnland ja Schlittschuhlaufen könne, statt Mathe zu lernen.

Der kostenloses Essen für alle -Teil fehlt total in dem Artikel und der Finnische - Pisa- Wunderschüler hätte vielleicht auch noch mehr herausgearbeitet werden können.

Wenigstens in einem Kommentar wird angesprochen, was wichtig ist, nämlich, dass Finnland eines der homogensten Länder überhaupt ist. Gerade mal 2% machen die Ausländer an der Bevölkerung aus. Wie man mit seinen Minderheiten umgeht und wie man Ausländerkinder integriert, daran kann man sich in Deutschland wahrlich ein Beispiel nehmen. Dass dies schon aufgrund der Demographie Deutschlands und der Bildungshoheit der Länder viel schwieriger zu realisieren ist, sollte jedem klar sein. Von den Kosten mal ganz zu schweigen.

Simone Simons Artikel zeichnet ein außerordentlich positives, und streckenweise falsches Bild vom finnischen Schulsystem. Nächstes Mal, bitte besser recherchieren und/oder Leute aus Deutschland, die in Finnland unterrichten fragen.

1 kommentar:

Sasa sa...

lustig! nun schon der zweite eintrag in einem blog auf den ich stosse, in dem die bloggerin mit der finn. präsidentin in einem bauchtanz- oder dehnkurs ist... =) (http://skblogit.fi/veloena/?p=997)